WiWo Studie: Warum die Deutschen wenig Lust auf ein neues Auto haben
wiwo.de: Der Gewinn deutscher Autobauer erodiert, die Zulieferer wanken – und ein Ende der „tiefen Absatzdelle“, wie es die Ministerpräsidenten von Bayern und Niedersachsen jüngst nannten, ist nicht in Sicht.
Zum Jahresende 2025 werden die Neuzulassungen in Deutschland voraussichtlich mal wieder stagnieren (siehe Grafik). Und auch der Kauf von Gebrauchtwagen kam 2025 nicht richtig in Gang, wie die Statistik des Kraftfahrtbundesamtes zu den Besitzumschreibungen zeigt (siehe Grafik).
Gleichzeitig altert die deutsche Pkw-Flotte immer weiter: Im Schnitt ist ein Auto auf deutschen Straßen heute 10,6 Jahre alt. Vor zehn Jahren waren das noch neun Jahre.
Unabhängig vom Antrieb werden insgesamt zu wenige Autos verkauft. Und die Ausreden der Hersteller sind vielfältig: Für den Hochlauf der Elektromobilität, heißt es immer wieder, sei man nicht alleine verantwortlich. Denn es brauche eine „bessere Ladeinfrastruktur“, sagt die Präsidentin des Autoverbandes VDA, Hildegard Müller. Die Ladesäulen? Müssten „andere liefern“. Frei nach dem Motto: Die Autoindustrie hat auch nicht alle Tankstellen gebaut.
Viele Manager schieben den mangelnden Absatz auch auf verunsicherte Verbraucher: Immer neue Debatten um den Erhalt des Verbrenners seien „kontraproduktiv“ und verunsicherten die Kunden, sagte jüngst Audichef Gernot Döllner im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Sein Wunsch an die Politiker? Planungssicherheit: „Von der Politik wünsche ich mir verlässliche, langfristige Rahmenbedingungen, statt andauernder Diskussionen mit wechselnden Vorzeichen.“
Kaufverhalten der Deutschen
Immerhin Mercedes zeigt noch auf sich selber und erklärt, dass bald vieles besser werde. Schließlich stehe man vor der größten Modelloffensive in der Konzerngeschichte. Die ersten neuen Autos werden gerade vorgestellt, viele weitere sollen folgen. Und dann, so die Hoffnung, werden die Kunden schon wieder kaufen.
Doch stimmt das denn? Die WirtschaftsWoche wollte wissen: Warum zögern die Deutschen eigentlich beim Autokauf? Warum kommen die Neuzulassungen nicht in Gang? Warum wechseln nicht immer mehr Gebrauchte den Besitzer?
Die Redaktion hat gemeinsam mit dem Marktforschungsinstitut INNOFACT bei Verbrauchern nachgefragt. Dieser Text präsentiert die Ergebnisse einer Online-Umfrage, die im Dezember 2025 von Innofact für die WirtschaftsWoche durchgeführt wurde. Analysiert wurde das Pkw-Kauf- und Besitzverhalten der deutschen Bevölkerung. Geantwortet haben mehr als 1000 Menschen.
Kein Autokauf geplant
Erfasst wurden dabei auch Daten wie Geschlecht, Alter, Bildungsstand, Haushaltsnettoeinkommen oder der Familienstand der Befragten. Die Umfrage thematisiert die Planung eines Autokaufs innerhalb der nächsten 24 Monate sowie die Gründe für die Nicht-Anschaffung eines neuen Autos. Das könnte theoretisch auch ein Gebrauchtwagen sein. Zusätzlich wurde unter anderem die durchschnittliche Haltedauer von Fahrzeugen untersucht.
Das erschütternde Ergebnis: Fast zwei Drittel (63 Prozent) der Befragten planen innerhalb der nächsten 24 Monate keinen Autokauf. Im Gegenteil: Die Mehrheit der Befragten fährt ihr Auto mehr als sechs Jahre (73 Prozent).
Der am häufigsten genannte Hinderungsgrund für einen kurzfristigen Neukauf ist die hohe Zufriedenheit mit dem aktuellen Fahrzeug (68 Prozent) gefolgt von persönlichen finanziellen Gründen (26 Prozent). Verunsicherung, was etwa die Antriebe angeht? Keine Spur! Nur 3,6 Prozent der Befragten halten politische oder regulatorische Unsicherheiten von einem Autokauf ab.
Die Menschen haben kein Geld für ein neues Auto
Vielmehr gibt es ein ganz anderes Problem – Autos sind vielen Menschen inzwischen schlicht zu teuer: Bei der Frage, warum Autos so lange gehalten werden, sind höhere Anschaffungspreise der relevanteste Grund (30 Prozent), gefolgt von der allgemeinen wirtschaftlichen Lage (29 Prozent) und wenig liquiden Mitteln (28 Prozent). Die Lücke zwischen dem, was sich die Menschen leisten können oder wollen, wird größer: „Die Fahrzeugpreise für Neuwagen steigen stärker als die Inflation. Das liegt daran, dass immer mehr Technik in die Fahrzeuge kommt“, begründet es Ferdinand Dudenhöffer, Direktor am Center Automotive Research.
Hinzu kommt: „Die Autos altern nicht mit dem Kalender, sondern mit dem Kilometerstand“, sagt Dudenhöffer. Die gefahrenen Kilometer pro Auto seien im Schnitt der vergangenen Jahre „deutlich gesunken“, die Deutschen führen schlicht weniger Kilometer.
Auffällig ist, dass insbesondere ältere Menschen dazu neigen, ihr Auto besonders lange zu fahren: Personen ab 60 Jahren (73 Prozent) haben häufig angegeben, keinen Autokauf innerhalb der nächsten 24 Monate zu planen. Sie behalten ihren Pkw in der Regel zehn Jahre oder länger. „Von den Befragten, die ihren Pkw zehn Jahre oder länger halten, plant eine signifikante Mehrheit von 80 Prozent keinen Neukauf in den nächsten 24 Monaten“, sagt Martin Smets von Innofact.
Doch auch die Besserverdiener sind nicht unbedingt bereiter, ein Auto zu kaufen: Personen mit einem höheren Haushaltsnettoeinkommen (ab 2500 Euro) sind überdurchschnittlich zufrieden mit ihrem aktuellen Fahrzeug (>82 Prozent). Das Gleiche gilt für die mittlere und ältere Generation. Auch sie zeigte sich laut der Umfrage zufrieden mit dem aktuellen Auto: Befragte im Alter von 40 Jahren aufwärts sind zufriedener mit ihrem derzeitigen Fahrzeug (>72 Prozent), weshalb sie keinen Autokauf innerhalb der nächsten 24 Monate planen.
Das sind fatale Botschaften für die deutsche Autoindustrie. Denn gerade Autobauer wie Mercedes oder BMW setzen auf die Gutverdiener. Die jedoch scheinen noch zu selten daran zu denken, sich ein neues Auto zu leisten.
Wenn, dann kaufen eher die Jüngeren
Die Autobauer müssen sich daher jetzt verstärkt auf die jüngere Zielgruppe konzentrieren: Denn die Altersgruppe der 18- bis 39-Jährigen (45 Prozent) zeigt in den nächsten 24 Monaten die höchste Absicht zum Kauf eines neuen Autos.
Dabei sind die potenziellen Käufer clever: „Die aktive Käuferschicht ist gut gebildet und berufstätig“, sagt Smets von Innofact. Personen mit abgeschlossenem Hochschulstudium (45 Prozent) und Berufstätige (46 Prozent) zeigen für die nächsten 24 Monate die höchste Kaufbereitschaft. „Eine Pkw-Wechselbereitschaft innerhalb von fünf Jahren ist im Vergleich der Altersgruppen mit knapp 40 Prozent am wahrscheinlichsten in der Gruppe der 18- bis 39-Jährigen“, sagt Smets.
Immerhin der Autoverband VDA kann der Sache noch etwas Gutes abgewinnen: Die Automobilindustrie arbeite konsequent an Langlebigkeit, heißt es dort. Und: „Je länger Fahrzeuge effektiv genutzt werden können, desto nachhaltiger sind sie auch, gemessen an den eingesetzten Rohstoffen, sowohl im Fahrzeug selbst als auch in Bezug auf die verbrauchte Energie in der Fertigung.“
Für die vielen tausend Mitarbeiter bei den Zulieferern ist das trotzdem keine schöne Nachricht zum neuen Jahr.


